Kreuzkirche
"Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."
Beitrag zur Geschichte der evangelischen Kreuzkirche in Betzdorf
Nachdem im vergangenen Jahr die Evangelische Kirchengemeinde Betzdorf ihr 100.Bestehen feiern konnte, jährt sich 1995 zum hundertstenmal die Einweihung der Kreuzkirche. Die Vorgeschichte, die zur Kirchengemeinde und entsprechend auch zum Bau der Kreuzkirche führte, ist schon ausführlich dargelegt worden, so daß ich mich in der hier vorliegenden Abhandlung auf die Chronologie des Kirchengebäudes selbst beschränken möchte.Die Geschichte der Kreuzkirche ist, wenn das auch auf den ersten Blick nicht so erscheinen mag, sehr umfangreich, teilweise für den heutigen Beobachter spannend, erstaunlich und immer wird von Menschen die Rede sein, die in der jeweiligen Zeit mit der Kirche zu tun hatten. Menschen, für die die heutige Kreuzkirche ein Herzensanliegen war (oder noch ist), Menschen die teilweise im Rampenlicht standen und Menschen, die ihren Dienst scheinbar unbemerkt still und leise taten. Vor allem war es das Engagement und die Opferbereitschaft der Gemeindeglieder, sowie der unermüdliche Einsatz begnadeter Pastoren, die das segensreiche Wirken mit Erfolg krönten. So wird also die Chronik der Kirche sicher nicht ganz von der Chronik der dazugehörigen Gemeinde zu trennen sein.
Die GrundsteinurkundeDie Geschichte eines Gebäudes beginnt meist mit seiner Grundsteinlegung. Nicht anders bei der evangelischen Kirche zu Betzdorf und so soll der Text der Grundsteinurkunde vom 14.Juni 1894 am Anfang stehen:
"Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes ! Amen ! - Im Jahre Christi 1894, am 14ten Juni, am Donnerstag nach dem dritten Sonntag nach dem heiligen Trinitatisfeste, im sechsten Jahre der gesegneten Regierung Wilhelms II., Deutschen Kaisers und Königs von Preußen, dreiundzwanzig Jahre nach dem glorreichen Kriege mit Frankreich und der Wiedererstehung des Deutschen Reiches wurde der Grundstein zu dieser Kirche gelegt. Es soll diese Kirche zum Gottesdienst der 2226 Seelen der evangelischen Gemeinde Betzdorf dienen.
Diese Gemeinde war seit alters und bis zum 1.April 1894 ein Teil der evangelischen Gemeinde Kirchen, deren Gotteshaus sie benutzte. Wegen der Größe der Gemeinde aber war seit dem 11.Juli 1886 auch in Betzdorf sonntäglicher Gottesdienst eingeführt, der 7 Jahre lang in dem Raum der 2.Schulklasse, nachher in dem Saal des Gastwirts H.Klein durch den Hilfsprediger von Kirchen abgehalten wurde. Am 1.April 1894, im 3.Jahre der Amtsführung des Pfarrers von Kirchen, Johannes Trommershausen, verfügte das hochwürdige Königliche Konsortium zu Koblenz die Selbständigkeit der Gemeinde Betzdorf.
Mit dem Rogatesonntag des Jahres 1882, dem 14.Mai, arbeiteten die Evangelischen an dem Plan, eine Kirche in Betzdorf zu bauen. Es wurde an diesem Sonntag ein Komitee einiger Männer der Gemeinde gewählt, welches die Mittel für einen Kirchbau sammeln sollte. Durch seine Bemühungen, durch die rührige Tätigkeit des damaligen Pfarrers in Kirchen, Alfred Haarbeck, durch die liebeseifrige Unterstützung der Evangelischen Gustav-Adolf-Stiftung, durch die fürsorgliche Förderung der Rheinischen Provinzialsynode, durch die dankenswerte Beihilfe der Muttergemeinde Kirchen, durch die anzuerkennende fortgesetzte Opferwilligkeit der Evangelischen von Betzdorf, war diese Kirchbausumme in 12 Jahren zu einem Kapital von etwa 70000 Mark angewachsen.
Nachdem man 2 Bauplätze, die zuerst ins Auge gefaßt waren, nach mancherlei Mißhelligkeiten wieder aufgegeben hatte, wurde von der Vertretung der Gemeinde der gegenwärtige Grund und Boden, auf dem Hohenbetzdorfer Feld gelegen, ausgewählt und für die Summe von 5281,80 Mark käuflich erworben.
Inzwischen war dem seither verstorbenen Dombaumeister Hartel in Leipzig der Auftrag gegeben worden, den Plan zu einer Kirche auszuarbeiten. Dieser fertigte einen solchen. Mit einem Kostenanschlage von 90000 Mark etwa, welcher die Zustimmung der Gemeindevertretung und aller beteiligten Behörden fand. Im Frühjahr 1894 waren endlich alle Vorbereitungen beendet, nachdem schließlich auch die polizeiliche Ortsbehörde die Erlaubnis zu dem Bau gegeben hatte. Die Leitung des Baues wurde dem Architekten Albrecht aus Siegen übertragen. Am 8.April 1894 wurde der erste Spatenstich getan und die Fundamentierungsarbeiten begonnen. Heute legen wir an der Stelle, wo Chor und Schiff gegenüber der Kanzel zusammenstoßen, den Grundstein zu dieser Kirche im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
In den Grundstein schließen wir ein diese Urkunde, welche der Nachwelt von uns zeugen soll, eine Bibel, deren Gottes Wort unseres Lebens Richtschnur ist, einen evangelischen Katechismus, nach welchem wir lehren, ein evangelisches Gesangbuch, dessen Lieder unserer Herzen Dank und Bitte ausdrücken, dazu die Zeitung des Tages und die Münzen des Jahres.
Der hochwürdige Herr Superintendent Müller aus Almersbach und nach ihm alle anwesenden Geistlichen, die Vertreter der Behörden, die Presbyterien von Betzdorf und Kirchen, die Repräsentation von Betzdorf schließen diesen Grundstein mit 3 Hammerschlägen auf den Namen des dreieinigen Gottes und bekennen damit im Angesicht und im Namen der mitfeiernden Gemeinde, daß wir glauben an Jesum Christum unseren Herrn, durch dessen Gnade allein wir selig werden sollen. Solches bekunden wir als unseres Lebens Grund zum Zeugnis für unsere Nachkommen, die wir bitten und ermahnen, auch an diesem Grund, der da bleibt in Ewigkeit, zu halten zu ihrer Seligkeit.
Das Presbyterium der Gemeinde besteht aus 8 Mitgliedern, die Repräsentation aus 40 Mitgliedern. Die Gemeinde wird bis zur Ernennung eines Pfarrers verwaltet durch den Pastor Oskar Brüssau als Pfarrvikar.
Wir aber bitten den Herrn, den ewigen und mächtigen König seines Reiches, daß er den äußeren Bau dieses Gotteshauses leiten wolle mit seinem Segen, damit er vom Grundstein bis zum Kreuz auf dem Turme durch keinen Unfall und Schaden gestört werde; daß er die ganze Gemeinde heiligen wolle, damit sie sich erbaue als die lebendigen Steine zu seinem Hause, dazu Jesus Christus der Eckstein ist.
Er segne den Kaiser und König zu einem Regiment des Friedens und der Weisheit; er segne unsere teure evangelische Kirche mit Hirten und Gemeinden zu Früchten der Gerechtigkeit; er segne diesen ganzen Ort und alle seine Einwohner zu einer Stätte der Ordnung und der Zucht.
'Ihm aber, der überschwenglich tun kann über alles, das wir bitten und verstehen, nach der Kraft, die da in uns wirket, ihm sei Ehre in der Gemeinde, die in Christo Jesu ist zu allen Zeiten und von Ewigkeit zu Ewigkeit.` Amen. - Betzdorf, den 14ten Juni 1894.
Das Presbyterium, gez.Oskar Brüssau, Pfarrer; Conrad Hoffmann, Kirchmeister; Friedrich Stähler, Diakon; Ludwig Zöllner, Diakon; Daniel Ippach, Diakon; Eduard Gontermann, Presbyter; Christian Sohn, Presbyter; Friedrich Weber, Presbyter; Carl Bückart, Presbyter."
Aus dem vorstehenden Text sind, scheinbar ganz nebenbei, viele Dinge zu entnehmen, die zum Teil noch näherer Betrachtung bedürfen. So wird uns zunächst mitgeteilt, daß Kaiser Wilhelm II. in der Monarchie des Deutschen Reiches eine hohe Wertschätzung genießt und daß man mit Stolz und Freude auf den kriegerischen Sieg über das Nachbarland Frankreich zurückblickt. Dieser Standpunkt wirkt auf heutige Generationen vielleicht befremdlich, doch muß man sich dazu sicher in die damalige Zeit zurückversetzen, um die politische Situation zu verstehen. Wir erfahren dann von den schon fast verzweifelten Bemühungen der evangelischen Bürger von Betzdorf, hier eine eigene Gemeinde zu gründen und auch ein Gotteshaus zu errichten. Hervorgehoben wird dabei die selbstlose Opferwilligkeit der Bevölkerung im weiten Umkreis. Nicht näher eingegangen wird dann auf den ersten erlittenen Rückschlag, nämlich die Mißhelligkeiten wegen des geplanten Bauplatzes. Worin die Meinungsverschiedenheiten bestanden, ist nicht mehr bekannt, sicher scheint nur, daß die Gemeindeglieder Christian und Daniel Weber, sowie Ludwig Ermert zwei Flurstücke auf dem "Stößchen" kostenlos zur Verfügung stellten. An diesem Platz entstand später dann die Krupp'sche Villa `Siegeck'.
Die Anfänge
Die Kirchengemeinde kaufte also für 5281,80 Mark ein Grundstück auf dem `Hohenbetzdorfer Feld' und beauftragte den Leipziger Dombaumeister Hartel mit der Planung eines Kirchenbaues. Die Gestaltungskriterien dafür waren damals noch nach der Eisenacher Kirchenkonferenz von 1861 empfohlen worden und besagten, daß a) es ein nach Osten ausgerichteter, gotischer Bau sein mußte, b) die Kanzel asymmetrisch zur Achse im Chorraum angeordnet und c) die Orgel im Rücken der Gemeinde plaziert sein sollte. Die Pläne von Meister Hartel fanden allenthalben Zustimmung, und so erfolgte der erste Spatenstich am 8.April 1894 (eine Woche nach der offiziellen Gründung der Kirchengemeinde !). Der Bauauftrag ging an die Betzdorfer Firma Christian Sohn, die Bauaufsicht hatte der Siegener Architekt Albrecht. Die Gründung und Fundamentierung ging schnell vonstatten, sodaß am 14.Juni des gleichen Jahres der Grundstein gelegt werden konnte.
Die Bauarbeiten gingen weiter zügig voran, die Kirche wuchs schnell empor und es entstand innerhalb eines Jahres eines der schönsten Gotteshäuser in weitem Umkreis. Stolz notierte der Chronist damals, daß der Neubau in einem Reiseführer mit einem Stern versehen war, was wohl für die damalige Zeit sehr viel bedeutete. Es war also eine einschiffige, eingeschossige Emporenkirche im neugotischen Stil entstanden. Die Außenmaße betrugen 37,5 m in der Länge und 21,o m in der Breite, die Höhe bis zur Turmspitze betrug später 47 m (d.h.Höhe des Turmknopfes: 251,58 m über Normal-Null). An den äußeren Giebelwänden, oberhalb der letzten Rundfenster befanden sich annähernd lebensgroße Steinfiguren der Apostel Petrus (im Norden) und Paulus (im Süden), Zugang fand man durch das Hauptportal und zwei Seiteneingänge. Über dem Hauptportal waren die fünf Buchstaben "Q.B.F.F.S." eingemeißelt für "Quod bonum faustum felixque sit"(wörtlich: Was gut, gesegnet und Glückbringend sein soll - Sinngehalt: Unser Tun sei gesegnet). Im Altarraum stand ein großes Kreuz aus weißem Marmor.
Der Altarraum
Der Altarraum selbst war von Meister Hugo Gangelhof aus Siegen so herrlich bemalt worden, daß heute noch lebende Augenzeugen ins Schwärmen ob dieser Kunst kommen. Deshalb soll hier eine Beschreibung folgen, die aber die Eindrücke wohl nicht voll vermitteln kann:
Oberhalb der Fenster waren Wolken aufgemalt, darüber das neue Jerusalem mit den Mauerzinnen, mit den zwölf Toren und den zwölf Gründen (nach Offenbarung 21). Vom Schlußstein des Gewölbes fiel ein goldener Strahlenkranz nach unten, der die Herrlichkeit Gottes darstellte. Unterhalb des Mittelfensters befand sich ein in verschiedenen Brauntönen aufgemalter Wandteppich, rechts und links davon das Bibelwort aus Hebr.13,14: "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir".
In der Nische neben der Kanzel sah man ein verschnörkeltes Weinstockornament auf blauem Grund, im unteren Teil ein Wort aus Joh.15,5: "Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben". Die Kanzel selbst war im Grundriß achteckig und aus Holz gearbeitet. Die Seitenfelder waren mit geschnitzten Reliefs von Jesus Christus und den Aposteln Lukas, Matthäus, Markus und Johannes versehen, die Brüstung mit dunkler Samtgarnitur beschlagen. Oberhalb der Kanzel befand sich ein ebenfalls achteckiger Baldachin, eine sogenannte Holz-Schalldecke mit allerlei Schnitzwerk und acht kleinen Türmchen.
In der der Kanzel gegenüberliegenden Nische stand das alte steinerne Taufbecken, darüber war ein Hirsch abgebildet, der sich einer Quelle zuwandte, mit dem Text: "Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir "(aus Psalm 42,2). In der Wölbung zwischen und oberhalb der beiden Nischen konnte man die Darstellung zweier Gesetzestafeln sehen, ein Sinnbild für das Alte und das Neue Testament.
Die Fenster bestanden aus farbiger Bleiverglasung, wobei die drei mittleren biblische Darstellungen zeigten. Das Mittelfenster zeigte Jesus Christus überlebensgroß auf einer Erdkugel stehend und über die Welt siegend, das linke Fenster zeigte den Turmbau zu Babel mit den abziehenden Völkern und im rechten Fenster waren Pfingsten mit der Sprachentrennung und -einigung, sowie der Anfang und das Ziel der Weltgeschichte dargestellt.
Die Einweihung
Die feierliche Einweihung des neuen Gotteshauses fand am 31. Oktober, dem Reformationstag, 1895 statt. Die Kirche war fast fertiggestellt, nur der markante, schlanke Turmhelm fehlte noch. Die vier seit dem 28.Juli schon aufgehängten Glocken läuteten den Festtag (ein Sonntag) um 7 Uhr ein und vereinten sich harmonisch mit denen im katholischen Gotteshaus auf der anderen Bergseite. der ganze Ort war reich beflaggt, die Kinder trugen bunte Blumensträuße, als sich um 10 Uhr ein Festzug durch Betzdorf zur Kirche hin bewegte. Auch die katholischen Mitbürger des Ortes mit ihrem Pastor Müller nahmen am Festzug teil. Auf dem Kirchplatz hatten die Schulklassen und der Kirchenchor Aufstellung genommen, es folgte die Schlüsselübergabe von Architekt Albrecht an das Presbyterium und die feierliche Öffnung des Gebäudes, bevor um 10.30 Uhr der Festgottesdienst beginnen konnte. Die Weiherede hielt Generalsuperintendent D.Baur über 1.Korinther 1, Vers 30, die Festansprache hielt der Präses der Provinzialsynode, Pfarrer Umbeck aus Kreuznach (1.Kor.3,11) und die Liturgie lag in Händen von Superintendent Müller (Almersbach). Pfarrer Julius Brüssau hatte sich für seine Predigt einen Text aus Römer 3 ausgesucht: "So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben."
Auf dem Altartisch lag eine kostbare, in Leder gebundene Bibel mit Goldschnitt und silbernen Beschlägen, die die Kaiserin Viktoria gestiftet und mit folgender Widmung eigenhändig versehen hatte: "Der evangelischen Kirche zu Betzdorf zur Erinnerung ihrer Einweihung am Tage der Reformation am 31.Oktober 1895. Luc.12,32 - Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben. Hebr.13,14 - Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. gez.Augusta Viktoria, Kaiserin und Königin, 31.Okt.1895".
Nachmittags um 13.30 Uhr fand im Klein'schen Saal in der Wilhelmstraße (heute Kolpinghaus) für 150 geladene Gäste eine Nachfeier mit Festessen statt, wo die Pfarrer Haarbeck, Trommershausen und Brüssau Ansprachen hielten. Um 16 Uhr war dann in der neuen Kirche die erste Gemeindeversammlung.
Zwischen den Kriegen
Es muß ein wirklich großes Fest gewesen sein und die Gemeinde war sicherlich stolz, nun endlich ein solch schönes Gotteshaus ihr Eigen nennen zu können. Trotzdem mischten sich aber einige Wermutstropfen in die Feierlichkeiten, die wohl in den Finanzen begründet waren. Wir erfahren, daß Pfarrer Brüssau im August 1895 als Pfarrer eingeführt worden war, sein Nachfolger Holtey-Weber jedoch bereits zwei Jahre später das Amt übernahm. Die Vermutungen gehen heute dahin, daß man ihm als Vorsitzenden des Presbyteriums die damals hohe Verschuldung der Kirchengemeinde anlastete, die sich aus dem Kirchenbau ergeben hatte. Bis 1894 waren dafür 70000,- Mark gesammelt worden, der Kostenvoranschlag hatte auf 90000,- Mark gelautet. Die Endabrechnung ergab jedoch Kosten in Höhe von 190000,- Mark, die Kirche war also mehr als doppelt so teuer geworden wie veranschlagt ! Hinzu kam, daß man sich für 50 Jahre bei der Kreissparkasse Altenkirchen eine Summe von 150000,- Mark geliehen hatte, um weitere Mittel für ein Pfarrhaus zu haben. Diese Transaktionen fanden wohl nicht allenthalben unbedingte Zustimmung und nur so ist es eigentlich zu erklären, daß Pfarrer Brüssau nicht lange am Ort blieb. Zumal er als guter Prediger und sehr sozial eingestellter Hirte seiner Gemeinde dargestellt wird.
Nachdem die noch fehlende Spitze auf den Turm gesetzt war, entspannte sich in den folgenden Jahren die Situation erheblich. Wie bereits in der Chronik der Kirchengemeinde berichtet, kam man durch eine Stiftung des damaligen Kirchmeisters Hoffmann in den Besitz eines Hauses im Wert von 36000,- Mark. Dieses Haus diente ab 1907 der Gemeinde als Pfarrhaus. Bereits 1905 erhielt der Kirchturm, ebenfalls durch eine Stiftung, eine Uhr. Das Geschenk stammte von Erben des Betzdorfer Kaufmanns und Gewerken Julius Weber. Über den fortan "Juliusuhr" genannten Zeitzeiger hat ein "Ortsdichter W.G." als Dank ein längeres Gedicht geschrieben, welches auch noch Erwähnung finden soll. Zur Entspannung der finanziellen Situation trug auch bei, daß man von der Frankfurter Peterskirche eine gebrauchte Walker-Orgel erstehen konnte. Das Instrument hatte ein Pedal mit fünf Registern, ein zuschaltbares Pedalfußregister für das ganze Werk (Tutti), für das 1.Manual standen 10 Register und für das 2.Manual fünf Register zur Verfügung. Als Besonderheit ist noch zu erwähnen, daß der Organist mit dem Blick zum Altar saß, wodurch eine längere mechanische Übertragung der Auslösung notwendig war.
Ebenfalls im Jahre 1907 entstand für 12000,- Reichsmark auf dem Grundstück neben der Kirche das Gemeindehaus an der Gontermannstraße. Mit der Ordination des Hilfsgeistlichen Fritz von der Heydt fand am 7.Dezember 1910 die erste derartige kirchliche Feier im neuen Kirchengebäude statt. In dieser Zeit erfuhr die Gemeinde einen starken Zuwachs an Mitgliedern, das kirchliche Leben war, wie Kirchmeister Carl Bückart 1912 schreibt, sehr rege. Tillmann Reppel, übrigens auch Mitbegründer des örtlichen CVJM, und Bertha Müller versahen damals die Küsterdienste und Pfarrer Holtey-Weber konnte im Jahre 1924 bereits 3800 Gemeindeglieder zählen. Der Kirchenbesuch war anscheinend sehr stark, denn Karl Bramkamp, in seiner ersten Amtszeit von 1926 bis 1943 Küster der Kirchengemeinde, schreibt, daß das Presbyterium in Erwägung zog, die Kirche zu vergrößern ! Die Rufe nach mehr Raum in der Kirche wurden sogar noch lauter, als 1928 das Jahresfest der Kreis-Kirchenchöre in Betzdorf stattfand und ein gewisser Platzmangel offenbar wurde. Letztendlich ist aber doch alles beim alten geblieben, die Pläne wurden (wohl auch aus Kostengründen) zunächst verworfen und 'ad acta` gelegt.
Die Zerstörung
Es folgte die turbulente Zeit des "Dritten Reiches", auf die schon in der Chronik der Kirchengemeinde näher eingegangen wurde. Für die Kirche erreichte dieser Zeitraum einen ersten Höhepunkt, als im Jahre 1942 der sogenannte Gestellungsbefehl zugestellt wurde. Er besagte, daß die drei Bronzeglocken zum Einschmelzen an die Hamburger Sammelstelle abgegeben werden mußten. Die vierte Glocke blieb auch im Bombenangriff halbwegs erhalten und läutet noch heute in der Scheuerfelder Friedenskirche. Besagter Bombenangriff erfolgte am 12.März 1945 und glich einem Inferno, bei dem in Hohenbetzdorf kaum ein Stein auf dem anderen blieb. Um 13.15 Uhr erhielt die Kirche einen Volltreffer, es konnten nur die Abendmahlgeräte und das Taufbecken gerettet werden. Was dann noch halbwegs instand war, erfuhr die völlige Zerstörung, als um 18.30 Uhr eine Brandbombe mit Zeitzünder explodierte. Übrig blieb ein Bild des Grauens, Steinhaufen, Ruinen und Fassungslosigkeit.
Was aber wäre heute, wenn die Menschen damals resigniert und alles sich selbst überlassen hätten ? Glücklicherweise gab es Leute, die in die Hände spuckten und anfaßten um aufzubauen. Frau Schweitzer aus der Schulstraße, nach der Familie Heiden (1944-1949) versah sie von 1949 bis 1955 zusammen mit ihrem Mann den Küsterdienst in Vertretung für Karl Bramkamp, weiß darüber noch manche erstaunliche Geschichte zu erzählen. Was in dieser Zeit nicht nur an körperlicher Arbeit geleistet wurde, kann sich heute kaum jemand vorstellen. Nicht nur, daß man sein eigenes Haus wieder in Ordnung bringen mußte, in der wahrlich sehr knapp bemessenen Freizeit half man dann auch noch bei den Aufräumungsarbeiten an der Kirche und in der Nachbarschaft. Eine Zeit voller Entbehrungen !
Der Neuaufbau
Während seit Juni 1945 der Gottesdienst Sonntagnachmittags in St.Ignatius stattfand, standen ab dem Frühjahr 1946 viele helfende Hände zur Verfügung, um sich an den Aufräumungsarbeiten an der Kirche zu beteiligen. Den Auftrag für die Arbeiten hatte die Bauunternehmung Giesler erhalten und der Betzdorfer Regierungsbaurat Heinrich Grimm erstellte den Bauplan für die neue Kirche. Der Neuaufbau ging, gemessen an den damaligen Verhältnissen, rasch vonstatten. Die Kirchener Firma Arnold Jung lieferte schon 1947 die Dachbinder und im gleichen Jahr wurde in Nisterberg und Langenbach das Holz für das Kirchendach besorgt, so daß im Januar 1948 aufgeschlagen werden konnte. Der Turm erhielt aus Kostengründen einen neuen, kurzen Helm; der schlanken Spitze des vormaligen Turms trauern heute noch viele nach. Im Herbst 1948 entstand der neue Chorraum, im Frühjahr 1950 erfolgte der Einbau der Gewölbe und der Innenputz wurde angebracht. Ein Jahr später, im Februar 1951 erhielt unsere Kirche von der Stuttgarter Firma Emil Gaisser neue Fenster. Der Gottesdienst fand in dieser Zeit (Dezember 1948 bis Oktober 1952) im wiederaufgebauten Vereinshaus in der Bismarckstraße statt.
Die Grundsteinschatulle von 1894 hatte man bei den Aufräumungsarbeiten unversehrt vorgefunden, versah sie mit einer Zusatzurkunde und versenkte sie am 20.Mai 1951 im linken Chorraum. Zu Weihnachten des gleichen Jahres feierte man den ersten Gottesdienst in der wiederhergestellten Kirche. Zwei große Fichtenbäume waren am Altar aufgestellt, die elektrischen (!) Kerzen dazu hatte die Firma Ebener (Klosterhof) gespendet. Bänke waren noch nicht installiert und so mußten, wie auch noch lange Zeit danach, samstags um 12.00 Uhr ca.150 Stühle von der Fa.Patt & Dilthey angeliefert und zum Gottesdienst gestellt werden. Nach dem Gottesdienst kamen die Stühle unter die Orgelempore und in den Vorraum, um montags um 6.00 Uhr vom Lastwagen wieder abgeholt zu werden. Damals waren die Winter auch noch kälter als heutzutage und so kann man sich vorstellen, daß zum Weihnachtsgottesdienst 1951 die Kirche auch beheizt werden mußte. Als Frau Schweitzer allerdings den Ofen in Brand gesetzt hatte, stellte man fest, daß die Arbeiter beim Bau an einen Rauchabzug nicht gedacht hatten und somit starker Qualm das Kirchenschiff füllte. Den Gottesdienstbesuchern blieben also nur ihre dicken Mäntel gegen die Kälte und das Versäumnis wurde schnellstens nachgeholt.
Die "Kreuzkirche" ist fertig
Im Jahre 1952 wurde die Kirche dann fertiggestellt und dieses Ereignis festlich begangen. Am 30.Oktober lieferte der Bochumer Verein fünf Edelstahlglocken, die, am Ortseingang geschmückt, ihre Fahrt zur Kirche antraten. Nach der feierlichen Weihe kamen die Glocken zur Vorbereitung und Renovierung des Glockenstuhls zur Fa.Patt & Dilthey, um von dort aus einige Wochen später einzeln zur Kirche gebracht und eingezogen zu werden. Am 31.Oktober, dem Reformationstag und genau 57 Jahre nach der ersten Indienststellung, konnte die Kirche der Gemeinde wieder offiziell übergeben werden. In Erinnerung an das vor dem Kriege im Altarraum stehende weiße Marmorkreuz stand nun an gleicher Stelle ein mehr schlichtes Holzkreuz und so taufte man das neue Gotteshaus "Kreuzkirche". Die Festrede hielt Präses Held von der Rheinischen Kirche. Noch heute kündet die gestiftete Bibel mit goldenem Kreuz auf dem Einband von dem für die Ev.Kirchengemeinde freudigen Tag, die Widmung lautet: "Ps.105/8 - Er gedenkt ewiglich an seinen Bund, des Wortes, das er verheißen hat auf tausend Geschlechtern.- gez.Held.".
So hatte also Gott der Vater in seiner unerschöpflichen Gnade der Betzdorfer Gemeinde wieder ein Haus geschenkt, in dem er wohnen will. Aus Trümmern auferstanden und auf guten alten Fundamenten (im doppelten Sinne) aufgebaut, stand und steht also wieder eine Kirche zur Verfügung. Den unermüdlichen Dienern Gottes und den vielen helfenden Händen sei hiermit gedacht und gedankt, daß sie so zahlreich und vielfältig ihre Gaben zum Neubau dieses herrlichen Hauses eingebracht haben. Ohne sie wären wir nicht da, wo wir heute sind.
Die Gegenwart
Gleichwohl war mit der Einweihung im Jahre 1952 die Kreuzkirche noch nicht in dem Zustand, wie wir sie heute vorfinden. Erst nach und nach kam die restliche Inneneinrichtung hinzu, es mußte im Laufe der Jahre mehr und mehr renoviert und erneuert werden. Diese Maßnahmen, die im folgenden kurz erwähnt werden, waren zwangsläufig notwendig, um das Gebäude zu erhalten, zu erneuern und zu verbessern. So wurde erst am 2.Advent 1959 die neue Orgel eingeweiht und erst im Jahre 1962 die neuen Emporen fertiggestellt. 1970 erfolgte eine Renovierung der Außenhaut. Im gleichen Jahr entstand der Chor-und Altarraum neu, d.h. die halbrunden Ausbuchtungen im Treppenaufgang verschwanden und die Treppen erhielten die heutige Form. Ab 1974 verabreichte man den Abendmahlwein in Einzelkelchen, das schöne Silbergeschirr hatte ausgedient. Zwölf Jahre später standen Renovierungen an Turm und Turmspitze an, bei dieser Gelegenheit wurden auch Zifferblatt und Zeiger der Uhr erneuert. Im Jahr darauf (1987) erfolgte eine große Innenrenovierung und eine Instandsetzung der Orgel. Als letzte größere Baumaßnahme erhielt die Kreuzkirche im Februar 1990 die neuen Chorfenster.
Der Küsterdienst mit seinen vielfältigen und nicht immer leichten Aufgaben lag in diesen Jahren in den guten Händen der Familien Schweitzer (1949 bis 1955), Bramkamp (1926 bis 1943 und 1957 bis 1971), Ginsberg, Jung (Kirchen) und Steffens (ab 1984).
Ausblick
Auch in Zukunft werden sicherlich viele kostenintensive Maßnahmen notwendig sein, um die Kreuzkirche zu erhalten und zu modernisieren. Nicht nur die jeweiligen Presbyterien werden gefordert sein, sondern auch jedes einzelne Gemeindeglied wird seine Gaben, in welcher Form auch immer, einbringen müssen, um am Erhalt mitzuwirken. Über dem allem sollten wir aber unseren obersten Baumeister nicht vergessen, in dessen Hände wir unsere Bitten und Wünsche legen und auf dessen Hilfe wir immer hoffen dürfen. Deshalb soll auch am Schluß dieser Reise in die Vergangenheit der Wunsch stehen, den unsere Brüder im Herrn damals über das Hauptportal der Kreuzkirche eingemeißelt hatten: "Quod bonum, faustum felixque sit“- Unser Tun sei gesegnet !
Gerd Bäumer
Betzdorf, 1995
